Auf den Putz geklopft

Eine fachliche Expertise zur rechten Zeit: In Löberitz wird der über 200 Jahre alte Landgasthof als Dorfgemeinschaftshaus wiederbelebt. Die Initiative GOLEHM untersucht den Lehmbau mit kompetentem Blick und kann Empfehlungen für die Sanierung geben.

Landgasthof Löberitz

Zig Nutzergenerationen haben im Landgasthof Löberitz ihre Spuren hinterlassen. Jetzt soll das jahrhundertealte Lehmgebäude ein Dorfgemeinschaftshaus werden.

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Wenn Mauern reden könnten ..., viel zu erzählen hätten die des Gasthofes in Löberitz, Ortsteil von Zörbig inmitten von Sachsen-Anhalt. „Das Kernhaus wurde vermutlich 1798 gebaut“, weiß Ortsbürgermeister Andreas Daus und dass noch eine Landfleischerei dazu gehörte. Zu jener Zeit, so Daus, waren Landwirte und Viehhalter die Betreiber von Gasthöfen, die sie abends öffneten.

Handwerker-Geräusche dringen aus dem seit 20 Jahren leerstehenden Gebäude. Gleich findet hier eine Baubesprechung statt. Das Kernhaus, dazu der 100 Jahre später angebaute Saal und die zu DDR-Zeiten ergänzten Wirtschaftsräume sollen neu genutzt werden – als Sporthalle für die Grundschule wie auch als Ort für gemeinschaftliche Vergnügungen.

Dass es sich bei dem Landgasthof um einen Lehmbau handelt, ist erst einmal nichts Sensationelles. „Hier im mitteldeutschen Trockengebiet mit seinen Lössböden bietet sich Lehm seit Jahrtausenden als Baumaterial geradezu an“, sagt Franziska Knoll. Dass die promovierte Archäologin vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie hier vor Ort ist, lässt aber doch Besonderes ahnen. Sie zeigt auf die sehr dicken Mauern, die auf einen Weller-Bau hinweisen. So wird die in Mitteldeutschland traditionelle Technik zur Herstellung von Hauswänden aus einem Stroh-Lehm-Gemisch bezeichnet. „Das Wissen um die Lehmbautechniken“, sagt sie, „ist hierzulande über Generationen verloren gegangen. Dabei sind Lehmwände wärmedämmend und sorgen für ein optimales Raumklima. Aber sie waren als Arme-Leute-Bau verpönt.“

Atemnot im Schwitzkasten

Lehmmauer mit gut erhaltenen gelben Stroh und Ähren.

Archäologin Dr. Franziska Knoll zeigt an der Lehmmauer das gut erhaltene gelbe Stroh mit Ähren dran.

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„Ganzheitlicher, Oekologischer Lehmbau“, kurz GOLEHM heißt die Initiative, die die Lehmbauweise als Beispiel für ressourcenschonendes klimaneutrales Bauen wieder in den gesellschaftlichen Fokus stellen will. Zörbig und seine Ortschaften sind Teil der GOLEHM-Initiative – und bekommen darum sogar Papst-Besuch. So jedenfalls wird Christof Ziegert, Deutschlands führender Experte für historische Massivlehmbauten, in Fachkreisen genannt. Gerade klopft er dem alten Gasthof wortwörtlich auf den Putz, um die originalen Wände darunter doch zum Reden zu bringen. Der Architekt und die Archäologin verstehen, was sie sehen. Sie stoßen etwa auf Ritzungen, die dafür sorgten, dass der Kalkputz auf der Lehmwand hält. Zudem sind im Stroh-Lehm-Gemisch sogar noch goldgelbe Ähren zu finden. „Wenn das Dach dicht und die Wände trocken sind, kann sich ein Lehmhaus selbst erhalten; auch bei jahrzehntelangem Leerstand“, ist Franziska Knoll fasziniert. Christof Ziegert weiß allerdings, dass viele Lehmwände in Zement, Gipskarton und noch modernere Baumaterialien „eingepackt“ wurden wie in einen Schwitzkasten – des äußeren Scheins wegen. Dass der trügerisch ist, werde offenbar, wenn sich Schimmel, Fäulnis, Risse und Mörtelbruch zeigen. Die Sünden von Jahrzehnen rückzubauen, könne teuer werden; doch würde es sich meistens lohnen, gerechnet auf den Jahrhunderte währenden Lebenszyklus eines Lehmhauses, so der Experte. Begeisterung spricht aus seinen Augen, während er seine Bauuntersuchungen an dem über 200 Jahre alten Gasthof fortsetzt.

Lehmbau-Know-how für alle

Ziegert ist mit seinem Berliner Architekten- und Ingenieurbüro ZRS ein GOLEHM-Partner wie auch die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Sachsen-Anhalts Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Gerade entwickelt dieses Kernteam eine GOLEHM-Strategie, um den Lehmbau raus aus der Liebhaber-Zone wieder in die breite Fläche zu bringen – nicht nur der üppigen regionalen Ressourcen von Lehm und dessen „wohngesunder“ Eigenschaften wegen. Ein Ziel ist „Lehmbau-Know-how für alle“ – die ersten Schritte dahin unterstützt das Bundesforschungsministerium aus dem Förderprogramm „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“. GOLEHM soll ein Modellprojekt zur Schaffung eines neuen, deutschlandweit bislang einzigartigen Stoffkreislaufes in der regionalen Bauwirtschaft werden.

„Nach Abschluss unserer Untersuchungen am Gasthof werden wir dem Löberitzer Bürgermeister Handlungsempfehlungen geben“, sagt Franziska Knoll. Derweil geht Christof Ziegert, auch Architektur-Professor an der Uni Potsdam, mit dem Tablet durch die Räume und stellt seinen Studenten via Live-Streaming die Befunde vor.

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